70 Franken pro Stunde?!

Siebzig Franken pro Stunde? Das ist ja wahnsinnig viel!

Wie komme ich auf meinen Stundentarif?

Diese Frage beantworte ich im heutigen Artikel ganz offen und transparent.

Über Preise spricht man ja sonst nicht so oft. Sie sind einfach da und man muss sie akzeptieren. Oder auch nicht. Dann sucht man weiter.

Aber hinter so einem Preis steckt eine ganze Rechnung. Das wusste ich früher auch nicht. Ich weiss es erst jetzt, wo ich selbständig bin und mich mit dem Thema beschäftigen muss. Und da ich annehme, dass es Vielen gleich geht, mache ich hier mal ein bisschen Informationsarbeit.

Bereit?

Also:

Viele sehen siebzig Franken und vergleichen diesen Preis automatisch mit dem, was ein Angestellter auf die Stunde bekommt. Man geht davon aus, dass diese siebzig Franken das Nettoeinkommen sind. Sprich: Ich gehe acht Stunden pro Tag auf Kundenbesuche, bekomme jede Stunde 70 Franken und verdiene so 560 Franken pro Tag. Bei einem 100%-Pensum wären das 2’800 Franken pro Woche und ca. 11’200 Franken pro Monat. Ich bin reich!

Nur leider ist das nicht die Realität.

Für diejenigen unter euch, die keine Lust auf eine lange Rechnung haben, hier die Kurzversion: Siebzig Franken sind das absolute Minimum, das ich verlangen muss, um überhaupt von meiner Arbeit leben zu können. Nur leben. Nicht reich werden. Die Wohnungsmiete bezahlen. Essen kaufen. Natürlich auch ein bisschen Freizeit. Und was sonst so alles anfällt. Ich besitze nicht mal ein Auto. Ich bin Minimalistin!

Für alle andern hier die Rechnung im Detail:

Zuerst muss ich ausrechnen, wieviele Ausgaben ich pro Monat haben werde, privat und geschäftlich. Das heisst:

  1. Mein Eigenlohn. Das ist das, was ich als Privatperson pro Monat brauche, um zu leben. Das ist die Grundlage. Ich habe hier ein minimalistisches Szenario genommen und komme (der Einfachheit halber gerundet) auf 4’000.-
  2. Vom Eigenlohn muss ich 10% der AHV abgeben. Das sind 400.-
  3. Ebenfalls 10% rechne ich für die 3. Säule, da ich als Selbständige keine 2. Säule habe. Nochmals 400.-
  4. Als 4. muss ich ausrechnen, wieviele geschäftliche Ausgaben voraussichtlich pro Monat auf mich zukommen. Das sind Versicherungen, TWINT-Gebühren, Kosten für die Webseite, Marketing, Weiterbildungen, Abos etc. Ich rechne hier (sehr optimistisch) mit nur 350.- Ich habe den Vorteil, dass ich in meiner Arbeit weder Räume mieten noch Inventar kaufen noch Ankäufe von Produkten tätigen muss. Ansonsten wäre mein Stundentarif um Einiges höher!

Alles zusammengerechnet ergibt das 5’150.-

Soviel muss ich pro Monat also mindestens einnehmen, um über die Runden zu kommen. Das ist mein Mindest-Umsatz, den ich erreichen muss.

Alles klar soweit? Dann machen wir weiter.

Jetzt muss ich schauen, wieviele Stunden ich tatsächlich verrechnen kann. Denn natürich bringen nur die direkt verrechenbaren Stunden – also Stunden, wo ich bei Kunden arbeite – Geld ein. Wir rechnen das pro Jahr aus:

Die Anzahl Arbeitstage bei einem 100% Pensum abzüglich der schweizer Feiertage sind 250 Tage. Ich rechne mit einem 80% Pensum und komme somit auf 200 Arbeitstage im Jahr.

Davon muss aber noch Einiges abgezogen werden:

  1. Ferientage: Ich rechne mit 6 Wochen. Das sind 30 Tage. Es verbleiben 170 Tage.
  2. Krankheitstage: Ich habe Glück, dass ich praktisch nie krank bin. Ich rechne mal mit 5 Krankheitstagen, obwohl ich in den letzten 2 Jahren gar nie krank war (für längere Ausfälle habe ich die Krankentaggeldversicherung). Macht 165 Tage.
  3. Benötigte “Büro-Tage” pro Jahr. Also administrative Arbeit (und Blog schreiben!). Ich rechne dafür einen halben Tag pro Woche = 2 Tage pro Monat = 24 Tage pro Jahr: Wir sind runter auf 141 Tage.
  4. Jetzt kommt der etwas komplizierte Teil: Normalerweise rechnet man mit einem Arbeitstag von 8 Stunden. Da ich aber nicht einfach ins Büro sitzen und 8 Stunden arbeiten kann, muss ich überlegen, wieviele Stunden ich pro Tag realistischerweise bei Kunden verbringen kann. Ich muss also Anfahrtswege, Pausen und meine persönliche Energie (wieviel schaffe ich überhaupt pro Tag, ohne völlig erschöpft zu werden?) miteinbeziehen. Ich komme auf 6 Stunden, jeweils in 2-Stunden-Blöcken. Die Rechnung geht so: Wir nehmen die 141 Tage, bei denen wir vorher angekommen sind, und rechnen diese Zahl mal 6/8. Also sozusagen sechs von acht möglichen Stunden.

Alles klar?

Jetzt sind wir bei 105,7 Tagen angekommen. Wir runden das auf 106 Tage auf. Das ist die Realität, wieviele Tage ich realistisch pro Jahr arbeiten kann. Damit müssen wir jetzt unsere Endrechnung machen.

Wir nehmen jetzt die rote Zahl von vorher. Den Umsatz, den ich mindestens pro Monat erreichen muss: 5150.-

Diese Zahl rechnen wir mal 12 (Monate), um den Jahresumsatz zu erhalten.

5150*12 gibt 61’800. Soviel muss ich pro Jahr einnehmen.

Nun teilen wir diese Zahl durch die Anzahl Tage, die ich realistischerweise arbeiten (und verrechnen) kann. Das sind diese 106 Tage von der vorherigen Rechnung.

61’800/106 = 583.

Pro Arbeitstag muss ich also 583 Franken einnehmen.

Jetzt kommt der allerletzte Schritt!

Diese Tageszahl teilen wir nun durch 8, weil pro Tag 8 Stunden gerechnet werden (Und wenn du jetzt sagst: Hä? Du hast doch vorher ausgerechnet, dass du nur 6 Stunden arbeiten und verrechnen kannst? Wieso teilst du die Zahl nicht durch 6? Dann kann ich dich beruhigen: Das ist bereits durch die Rechnung “mal 6/8” eingerechnet. Ich garantiere dir, dass alles stimmt!)

Also: 583/8=72,87

Das ist mein Stundentarif. Er ist hier etwas höher, da ich alle Zahlen der Einfachheit halber aufgerundet habe. In Realität ist das Ergebnis ziemlich genau 70 Franken.

So viel muss ich also pro Stunde (mindestens!) verlangen, damit ich von meiner Arbeit leben kann.

Alles klar! Oder?

Vielleicht sagst du jetzt trotzdem: Das kann ich mir aber nicht leisten!

Und genau das wird der Titel meines nächsten Beitrags (Ende September) sein.

Als Vorbereitung kannst du dir überlegen: Was kann ich mir denn in einem Monat leisten? Was gebe ich aus und wofür?

Wenn du Lust hast: Hier ist die September-Challenge (klicke drauf und lade die Vorlage einer Liste herunter!):

Mach den ganzen September lang eine Liste von allen (wirklich allen!) deinen Ausgaben: Was? Wieviel? Du kannst das auf einem Blatt Papier machen, das du an den Kühlschrank klebst oder in einer Tabelle auf deinem Handy. Dann bist du nämlich schon vorbereitet für den nächsten Artikel.

Viel Spass mit der Liste!

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